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Das Medulloblastom ist der häufigste bösartige, frühkindliche Hirntumor. Aufgrund seiner genetischen Vielfalt sind Krankheitsverläufe und Heilungschancen sehr unterschiedlich. Die Behandlung des Medulloblastoms gestaltet sich häufig schwierig – auch weil das Wissen über Tumorentstehung und -entwicklung fehlt. Die Kinder, die überleben, leiden Zeit ihres Lebens an körperlichen Beeinträchtigungen. Diese sind besonders stark dann, wenn im Behandlungsverlauf eine Strahlentherapie des Kopfes notwendig wird. Deshalb ist das Ziel der Therapie bei jungen Kindern, die Strahlentherapie trotz ihrer hohen Effektivität zu vermeiden.

Neuer Therapieansatz verbessert bei jungen Patienten das Überleben und verringert Spätfolgen
Für besonders junge Patienten könnte sich ein neuer Therapieansatz auszahlen, der von der hochgradig schädlichen kraniospinalen Bestrahlung absieht. Die Forschergruppe um Dr. Mynarek und Prof. Rutkowski am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, fand in einer Kooperation mit Partnern in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz heraus, dass Kinder unter vier Jahren von einer kombinierten Therapie aus systemischer Chemotherapie und einer Chemotherapie, die direkt in die Hirnventrikel verabreicht wird, profitieren. Die Studienergebnisse geben Grund zur Annahme, dass eine kombinierte systemische Chemotherapie zusammen mit intraventrikulärem Methotrexat (MTX) bei bestimmten Entitäten nicht nur die Langzeitfolgen minimiert, sondern zu günstigeren Überlebensraten führt. Die HIT-2000-BIS4-Studie greift dabei auf Daten von 87 Patienten zurück, die von 2001-2011 an einem Medulloblastom erkrankten und nicht älter als vier Jahre waren. Auch Probenmaterial von Prof. Dr. Ulrich Schüller, der am Forschungsinstitut Kinderkrebszentrum Hamburg und am Institut für Neuropathologie des UKE tätig ist, wurden verwendet. Zudem fungierte der Medulloblastom-Spezialist als wichtiger Ansprechparter bei der Auswertung und Interpretation der Studienergebnisse. „Der Austausch mit Professor Schüller war für uns immer konstruktiv und methodisch ungemein wertvoll – aufgrund seiner Funktion als Neuropathologe als auch durch seine Expertise im Bereich der Medulloblastom-Forschung“, erklärt Dr. Mynarek. „Durch die enge Vernetzung und Bündelung von Kompetenzen schaffen wir es, Hamburg als wichtigen Standort für die Hirntumorforschung weiter auszubauen“.

Mynarek M et al. Nonmetastatic Medulloblastoma of Early Childhood: Results From the Prospective Clinical Trial HIT-2000 and An Extended Validation Cohort. Journal of Clinical Oncology, Onlinevorabveröffentlichung am 24. April 2020, DOI: 10.1200/JCO.19.03057

Das UCCH-Research Retreat ist die vermutlich beliebteste Gelegenheit für alle Hamburger Krebsforscher, sich in entspanntem Rahmen kennenzulernen und auszutauschen. Auch wenn das Treffen dieses Mal virtuell abgehalten wurde, gab es neben gehaltvollen Talks, Posterpräsentationen und Nachwuchsforschungspreisen auch wieder vier Stipendien, die jungen Ärzten die Möglichkeit geben, parallel zu ihrer klinischen Arbeit zu forschen. Sina Al-Kershi ist eine dieser vier Clinician Scientists. Die junge Ärztin aus der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie (PHO) am UKE erhält im kommenden Jahr die Möglichkeit, bei Professor Dr. Ulrich Schüller im Bereich der kindlichen Hirntumoren zu forschen. Ihr Ziel ist es vor allem, die Biologie maligner Rhabdoidtumoren besser zu verstehen und therapeutisch nutzbar zu machen. „Es ist ungemein wichtig, Medizinern den Raum und die Zeit zur Verfügung zu stellen, um selbst zu forschen und so ein Verständnis von wissenschaftlicher Arbeit und molekularer Grundlagenforschung zu erhalten", so Professor Dr. Ulrich Schüller. Seine Arbeitsgruppe arbeitet intensiv daran, die biologischen Grundlagen kindlicher Hirntumoren besser zu verstehen und molekulare Ergebnisse schneller in die medizinische Anwendung zu bringen. Das ist dringend notwendig, denn kindliche Hirntumoren sind die zweithäufigsten Krebserkrankungen im Kindesalter. Mehr über unsere Hirntumorforschung finden Sie hier.

Über den UCCH Research Retreat: Der traditionell jährlich in Jesteburg stattfindende UCCH Research Retreat wurde in diesem Jahr zum ersten Mal als Online-Format durchgeführt. Über 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des UCCH trafen sich virtuell, um sich über ihre Forschungsergebnisse auszutauschen und die besten NachwuchswissenschaftlerInnen zu küren.

Trotz unterschiedlicher Forschungsschwerpunkte teilen die drei frisch verteidigten Doktoranden von Professor Dr. Ulrich Schüller eine Vision: Gemeinsam den Krebs bei Kindern zu knacken: Melanie Schoof, Dörthe Holdhof und Malte Hellwig haben seit Ende 2016 im Rahmen ihrer Promotionsarbeiten intensiv zu kindlichen Hirntumoren – der zweithäufigsten Krebserkrankung im Kindesalter – geforscht. Ihnen ging es um ein besseres Verständnis der Tumorentstehung mit dem Ziel, neue therapeutische Angriffspunkte zu identifizieren. Das Ergebnis: Bestnoten und ein Handwerkzeug, auf dem die weitere Karriere fußen kann: Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, experimentell zu arbeiten und erfolgreich zu publizieren.

Melanie Schoof: CBP. Tausendsasser und Tumorsuppressor
Das Forschungsgebiet von Melanie Schoof umfasst Mutationen des Coaktivators CBP. Das Protein ist an unterschiedlichsten Transkriptionsprozessen beteiligt – während der Entwicklung als auch im adulten Organismus. Mutationen des Proteins können mit dem Ausbruch schwerer Erkrankungen, wie z.B. dem Rubinstein-Taybi-Syndrom (RSTS), einhergehen – einer neuronalen Entwicklungsstörung, die unter anderem eine mentalen Retardierung mit sich bringt. Melanie Schoof konnte im Rahmen ihrer Promotionsarbeit weitere Eigenschaften des Proteins aufdecken: Zum einen erforschte sie in Mausmodellen den Einfluss von CBP bei der Hirn-Entwicklung und -homöostase. „Wir konnten Auffälligkeiten in den neurogenen Zonen des Gehirns, dem Hippocampus und der Subventrikulärzone finden und zeigen, dass CBP sowohl für die neuronale Migration als auch Morphologie wichtig ist“ erläutert Melanie Schoof. Darüber hinaus konnte die Wissenschaftlerin das Protein als Tumorsuppressor in verschiedenen Tumorentitäten entlarven. „Der Verlust von CBP in Kombination mit N-myc führt zur Entstehung von aggressiven Gehirntumoren“, so Schoof. "Im Mausmodell entwickelten sich Tumoren im Vorder- und Hinterhirn und genau hier geht nun die Arbeit weiter. Wir wollen besser verstehen, wie die beiden Proteine zusammenarbeiten und wie wir diese Erkenntnisse auf verschiedene humane Erkrankungen übertragen können.
https://link.springer.com/article/10.1186/s40478-019-0849-5

Dörthe Holdhof: Brg1 – Ein Protein bringt die Embryonal- und Hirnentwicklung durcheinander
Auch bei der Forschungsarbeit von Dörthe Holdhof geht es um die Entwicklung und Entstehung von pädiatrischen Hirntumoren. Genauer gesagt geht es um Atypische teratoide/ rhabdoide Tumoren (ATRTs) - ein seltener Hirntumor aus der Gruppe der embryonalen Tumoren, der fast ausschließlich bei Kleinkindern vorkommt. „Zahlreiche Prozesse in der frühen Embryonal- und auch der Hirnentwicklung sind von einer korrekten Brg1 Expression abhängig“ erläutert Dörthe Holdhof. Sie fand heraus, dass Brg1 sowohl in hGFAP als auch in Sox2 positiven Stammzellen essenzielle Rollen bezüglich der Hirnentwicklung spielt, wohingegen das Protein nach der Geburt in zerebellären Vorläuferzellen weniger ausschlaggebende Funktionen erfüllt. Unter welchen Vorrausetzungen der Verlust von Brg1 zur Entstehung von AT/RTs führt, soll in einem Folgeprojekt untersucht werden.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31504276/

Malte Hellwig: TCF4 beeinflusst Gehirnarchitektur und Tumoraktivität
Fokus der Forschungsarbeit von Malte Hellwig liegt zum einen auf einer speziellen Keimbahnmutation im Transkriptionsfaktor 4 (TCF4), die eine Entwicklungsstörung mit schwerer geistiger Behinderung verursacht, dem sogenannten Pitt-Hopkins-Syndrom (PTHS). In Mausmodellen wurde TCF4 als essentiell für die korrekte Entwicklung des Kleinhirns und des Hippocampus – beides extrem wichtige Regionen des Hirns – definiert. Zudem erforschte Malte Hellwig spontane Mutationen in TCF4, die ausschließlich in adulten Patienten mit einem Medulloblastom (Tumor des Kleinhirns) des SHH-Subtyps vorkommen. In der Zellkultur und in Mäusen konnte der Forscher die Situation nachstellen und erkennen, dass in späteren Phasen der Hirnentwicklung TCF4 möglicherweise tumorsuppressiv wirkt. Der Verlust von TCF4 führt hier also zu einem Anstieg der Vermehrung der Tumorzellen.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/ejn.14674
https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00401-019-01982-5

Initiiert und finanziert wird die Aktion von zwei Vätern, Mischa Karafiat und Wolfgang Brückner. Die Unternehmer verzichten ganz bewusst auf die Möglichkeit der Werbeanbringung auf den Trikots zu Gunsten von KNACK DEN KREBS. Mischa Karafiat liegt es vor allem am Herzen, die Öffentlichkeit für die zu wenig unterstützte Kinderkrebsforschung zu sensibilisieren. Darüber hinaus möchte der Familienvater die ehrenamtlichen Strukturen im Jugendfußball fördern. „Hinter beiden Vereinen stehen Menschen, deren Arbeit über ihr eigentliches Tun hinaus zum Wohle unserer ganzen Gesellschaft wirkt. Dies findet täglich millionenfach ohne angemessene Aufmerksamkeit und Würdigung statt. Statt einem finanziellen Erfolg einzelner, rücken wir mit dieser Art der Kooperation bewusst das gesellschaftliche Engagement beider Vereine in den Mittelpunkt“, erklärt Wolfgang Brückner das Engagement.

Im Rahmen der neuen Studie C19.CHILD Hamburg untersucht das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) bei rund 6.000 Kindern und Jugendlichen Häufigkeit und Schwere einer Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus. Auch Daten von pädiatrischen Risikogruppen werden verglichen – u.a. von Kindern nach einer Stammzelltransplantation. Die Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. unterstützt das Forschungsvorhaben mit einer Spendensumme in Höhe von 50.000 Euro. Zudem stellt das Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg personelle Ressourcen in Form von technischen Assistenten zur Verfügung. Der Wissenschaftliche Leiter des Instituts, Professor Dr. Martin Horstmann, über das Engagement: „Wir forschen seit fast 15 Jahren an den molekularen Grundlagen der Krebsentstehung im Kindesalter, an einer verbesserten Diagnostik sowie an der Weiterentwicklung innovativer Behandlungsmethoden. Für uns sind die Daten aus der UKE-Studie wichtig, um verlässliche Aussagen über die Rolle von Covid-19 bei krebskranken Kindern treffen zu können”.

Auch 2020 schreibt die Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. gemeinsam mit der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie (PHO) drei Stipendien (jeweils 800 EURO/Monat) für Medizindoktoranden/innen aus. Angesprochen werden sollen damit forschungsbegeisterte Medizinstudenten/innen, die Interesse an einer Dissertation im Bereich Pädiatrische Krebsforschung haben (1 Jahr /Vollzeit / Start: 1.10.2020). Es geht um aktuelle Themen der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie: Leukämogenese, Signalnetzwerke, Immuntherapie, Hirntumoren, Stammzelltransplantation, Entwicklungsneurobiologie sowie Lymphomen. 

Bewerbungsprozedere und Fristen
Bitte schicken Sie bei Interesse Ihre Bewerbung mit Lebenslauf, Motivationsschreiben, Zeugnissen (iMed-Zertifikat / Physikum / Abitur) als ein einziges pdf-Datei bis zum 15. Juni 2020 an Frau Astrid Evert (buero@kinderkrebs-forschung.de, Tel: 040 / 42605-1210).  Auswahlgremium: Prof. M. Horstmann, Prof. I. Müller, Prof. S. Rutkowski, Prof. U. Schüller  

Über das Juli Harnack-Stipendium
Julian „Juli“ Harnack verstarb 2006 im Alter von 16 Jahren an einem Hirntumor - für die Familie, Angehörigen und Freunde ein unfassbarer Schicksalsschlag. In Gedenken an den leidenschaftlichen Hockeyspieler Juli organisiert sein ehemaliger Verein, der Uhlenhorster Hockey-Club (UHC), seit 2007 ein Hockeyturnier. Die Erlöse des mittlerweile nationalen Turniers kommen unserer Krebsforschung zugute. Mit dem 2018 ins Leben gerufenem Juli-Harnack-Stipendium möchte die Familie Harnack nun gemeinsam mit dem Forschungsinstitut gezielt Nachwuchswissenschaftler/innen für die Kinderkrebsforschung gewinnen. Weiterführende Informationen zu Juli Harnack und dem gleichnamigen Hockey-Turnier finden Sie hier http://juli-harnack-turnier.info

Nachwuchsförderung. Für Forschung begeistern
Translationale Nachwuchsförderung im Bereich der Krebsforschung ist zentrales Anliegen des Forschungsinstituts. Mit unterschiedlichen Förder- und Ausbildungsmaßnahmen möchten wir – verzahnt mit dem UKE, der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie (PHO) sowie dem Heinrich-Pette-Institut (HPI) – das Interesse an experimenteller Forschung wecken und die fachliche Weiterbildung junger Wissenschaftler/innen in den Bereichen Klinische Forschung und Grundlagenforschung vorantreiben.

Am Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg wird erfolgreich an der Weiterentwicklung von Diagnostik-Verfahren geforscht. Die Methodik der globalen Methylomanalyse, die Professor Dr. Ulrich Schüller zusammen mit Kollegen vor gut zwei Jahren in Hamburg etablierte, hat sich mittlerweile in vielen Bereichen durchgesetzt und zu großen Fortschritten in der Diagnostik kindlicher Hirntumoren geführt. Mittlerweile kommt dieses Verfahren auch am UKE in der Erwachsenenmedizin  – nämlich zum Beispiel auch bei Patienten mit Hypophysenadenomen  – zur Anwendung, wie aktuell in der Fachzeitschrift Acta Neuropathologica https://link.springer.com/article/10.1007/s00401-020-02149-3 beschrieben.

Professor Schüller, die globale Methylomanalyse wird von Ihnen seit zwei Jahren bei kindlichen Hirntumoren eingesetzt. Mit welchem Erfolg/welchen Konsequenzen für die Patienten?

Es ist nicht so, als hätten wir vorher kindliche Hirntumoren nicht erkennen können. Durch die neue Technik wird den Befunden aber ein zusätzliches Level der Validierung verliehen und bei vielen Entitäten ist auch eine noch genauere Einordnung in klinisch relevante Subtypen möglich. In seltenen Fällen ist es auch so, dass ein Tumor mit konventionellen Methoden wie der Mikroskopie gar nicht eingeordnet werden konnte, und erst die Methylomanalyse Aufschluss bringt. Man kann durchaus sagen, dass sich die Methylomanalyse zu einem äußerst wertvollen Tool in der täglichen Routinediagnostik entwickelt hat.

Was macht die Diagnostik von kindlichen Hirntumoren so schwierig?

Hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle: Zum einen gibt es dutzende verschiedene Hirntumoren im Kindesalter, deren Unterscheidung für die Therapie essentiell ist. Zum anderen sind viele Tumoren, gerade sog. embryonale Hirntumoren sehr undifferenziert, was die Diagnostik erheblich erschwert. Schließlich gibt es viele Tumoren, die anatomisch so schwer erreichbar sind, dass eine Resektion nicht möglich ist bzw. zu gefährlich wäre. Wenn überhaupt, können hier nur winzige Proben entnommen werden. Das heißt, dass sehr komplexe Diagnosen an winzigen, mit dem Auge kaum sichtbaren Proben gestellt werden müssen.

Das gemeinsam mit Ihren neurochirurgischen Kollegen des UKE publizierte Paper https://link.springer.com/article/10.1007/s00401-020-02149-3 unterstreicht den Erfolg der neuen Methode. Wie schätzen Sie das Potential dieser Analyse für weitere Indikationen ein?

Meines Erachtens gibt es hier noch ein sehr hohes Potential. Bislang sind es eigentlich nur die hirneigenen Tumoren, die hier analysiert werden. Ich bin mir aber sicher, dass wir relativ bald zum Beispiel auch sagen werden können, woher eine Metastase kommt, die sich im Gehirn gebildet hat. Auch für Sarkome, die sehr schwer voneinander zu unterscheiden sind, gibt es schon erste Ansätze, die sehr vielversprechend sind. Schließlich träumen wir davon, auch Tumor DNA, die im Blut zu finden ist, zu nutzen, um den Tumor, von dem diese DNA stammt, mittels Methylomanalyse klar definieren zu können.

Wie stark beeinflussen die Fortschritte der molekularen Diagnostik die Art der Therapie? Können Sie hier aus Ihrem Bereich Beispiele nennen?

Der Einfluss ist groß. Ohne eine korrekte Diagnose kann es keine passgenaue Therapie geben. Beispiele gibt es viele. Ob, mit welcher Dosis und wo ein Patient bestrahlt wird, hängt ganz wesentlich von der genauen Diagnose ab. Ob ein Patient das Medikament TEMODAL bekommt, hängt von der Methylierung bestimmter Genomabschnitte ab. Ob ein Patient einen BRAF Inhibitor bekommt, hängt davon ab, ob es Mutationen in diesem Gen gibt, und so weiter.

Die Ableitungen von Forschungsergebnissen aus der pädiatrischen Onkologie auf die Erwachsenenmedizin - hat dieser Wissenstransfer Potential für andere Bereiche/Indikationen?

Absolut. Aus guten Gründen gibt es ausgedehnte Forschungsaktivitäten und -erfolge in der pädiatrischen Onkologie. Diese zu übertragen ist sinnvoll. Die von mir schon erwähnte Diagnostik von Metastasen, vor allem bei Patienten mit unbekanntem Primärtumor, wäre so ein Beispiel. Globale Methylomanalysen werden auch dieses Feld ein gutes Stück voranbringen, da bin ich mir sicher.

Was motiviert Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Neben vielen anderen Aspekten rührt die Motivation vor allem daher, Beiträge zu leisten, die die Versorgung der Patienten konkret verbessert. Das können kleine Beiträge sind, aber jeder Beitrag ist hier wichtig. Wenn wir zum Beispiel durch eine korrekte bzw. möglichst genaue Diagnose dem behandelnden Onkologen nahelegen, dass eine Bestrahlung des Kindes nicht indiziert ist, können dem Kind schwerwiegende Nebenwirkungen erspart werden. Wenn wir durch unsere Diagnose ein humangenetisches Konsil indiziert sehen, kann das enorm wichtig für Familienplanung und Beobachtung von möglichen Zweittumoren sein. Und wenn wir mit unseren modernen Methoden leider sehen, dass der Tumor besonders aggressiv ist, dann ist das die Grundlage für eine maximale Therapie, die dann hoffentlich das Leben des Patienten rettet.


Professor Dr. Ulrich Schüller, Entwicklungsneurobiologie und pädiatrische Neuroonkologie.

Das Medulloblastom (MB) gehört zu den primären Tumoren des zentralen Nervensystems und stellt den häufigsten malignen Hirntumor bei Kindern dar. Da die genetischen Ursachen bisher nur unzureichend geklärt sind, beschäftigt sich die AG Schüller gezielt mit den molekularen Entstehungsmechanismen dieser Hirntumorerkrankung. In aktuellen Forschungsergebnissen konnte das Team nachweisen, dass  PIK3CA Mutationen in Sonic Hedgehog (SHH) -Medullablastomen ein aggressives Tumorwachstum und Tumormetastasierung fördern. Das ist u.a. deshalb relevant, weil es uns gelingen kann, mit Hilfe von gezielten Medikamenten der Aktivierung eines pathologischen PIK3CA signalings entgegenzuwirken“, so Professor Dr. Ulrich Schüller. Es könnte sich zukünftig also lohnen, Medulloblastome häufiger auf diese Art der Mutationen zu testen und evtl. auch über den Einsatz entsprechender Medikamente nachzudenken. Die Ergebnisse, die innerhalb des Team vor allem Dr. Judith Niesen erarbeitet hat, sind jetzt bei Cancer letters nachzulesen: Original-Artikel Pik3ca mutations significantly enhance the growth of Shh medulloblastoma and lead to metastatic tumour growth in a novel mouse model

Die therapeutische Mobilisierung von Immunsystemen steht im Fokus aktueller Krebsforschungen. Die chimären Antigenrezeptor (CAR-T)-Therapien werden bereits heute schon bei bestimmten Leukämien oder Lymphomen erfolgreich eingesetzt, ihr breiter Siegeszug blieb bislang jedoch aus. Gründe sind u.a. ihr eng gestecktes Einsatzgebiet, der immense Herstellungsaufwand und die teilweise schwerwiegenden Nebenwirkungen.

PD Dr. rer. nat. Kerstin Cornils und Dr. rer. nat. Anna-Katharina Kurze nehmen ihre gemeinsame Forschungsarbeit im Bereich der akuten myeloischen Leukämie (AML) auf. Ihr Ziel: den CAR-T-Zellansatz weiterzuentwickeln und einem neuen, vielversprechenden Therapieansatz den Weg zu ebnen.

Zuckerbindende Domäne eines Lektins löst Antikörper ab

Während bei der CAR-T-Immuntherapie gentechnologisch veränderte T-Zellen mit synthetischen antigenspezifischen Rezeptoren zur Anwendung kommen, liegt der Forschungsschwerpunkt von Cornils und Kurze in der Aktivierung körpereigener Proteindomänen, sogenannter Lektine, die gezielt Zuckerstrukturen auf Leukämiezellen angreifen und einen Antikörpereinsatz unnötig machen sollen. Glykane – unterschiedliche und miteinander verbundene Zuckereinheiten –  rücken im Bereich zellulärer Erkennungs- und Kommunikationsmechanismen mehr und mehr in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen, u.a. im Bereich des zentralen Nervensystems und im Immunsystem.
Die Voraussetzungen für das Forschungsprojekt könnten besser nicht sein, da sich die Expertisen der zwei erfolgreichen Forscherinnen sinnvoll ergänzen. Kerstin Cornils verfügt im Rahmen ihrer Gentherapie- und Stammzellforschung über großes Know-How im Bereich der T-Zell-Aktivierung, während Anna-Katharina Kurze seit Jahren die Rolle von Zuckerstrukturen bei der Kommunikation zwischen Zellen und somit auch bei der Entstehung und Progression von Tumoren erforscht. Die Funktionalität und Effizienz dieser neuartigen CARs (LEC-CARs) wird mit Hilfe von in vitro und in vivo Modellen überprüft.
„Unsere LEC-CARs stellen einen vollkommen neuen und schneller umsetzbaren Ansatz zur Krebstherapie dar, da die langwierige Antikörperentwicklung entfällt“ erläutert Cornils. Kurze ergänzt: „Unsere Hoffnung ist, möglicherweise eine breitere Anwendbarkeit der LEC-CARs im Vergleich zu den konventionellen CARs zu bekommen, da bestimmte Glykan-Strukturen bei ganz verschiedenen Krebsentitäten vorkommen.“

Die Deutsche Krebshilfe finanziert das Forschungsvorhaben innerhalb des Förderschwerpunktprogrammes „Visionäre neue Konzepte in der Krebsforschung“ über drei Jahre in einer Höhe von 374.571 €.

Dr. Judith Niesen, Postdoktorandin in der AG Schüller, hat zusammen mit einem Projektpartner aus der Metropolregion Hamburg, eine 3-jährige Förderung des Mildred Scheel Nachwuchszentrums Hamburg (MSNZ), erhalten. Das Förderprogramm HaTriCS4 ( Hamburg Translational Research in Cancer: Stimulating, Shaping and Sustaining Scientific Careers) mit dem Schwerpunkt "Dissemination and Metastasis" hat es sich zur Aufgabe gemacht, den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Onkologie zu stärken. Unterstützt wird das Programm von der „Deutschen Krebshilfe“.

Mit dem Forschungsvorhaben knüpft Frau Dr. Niesen an eine vorausgegangene Förderung an. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten beschäftigt sie sich unter anderem mit neuen EGFR-spezifischen Antikörperfragment-basierten immuntherapeutischen Ansätzen zur zielgerichteten Therapie des Medulloblastoms (MB) und des metastasieren Rhabdomyosarkoms (RMS) im Kindesalter. Das MB gehört zu den häufigsten malignen Hirntumoren bei Kleinkindern. Bei Patienten*innen mit einem RMS können sich, insbesondere im Kindesalter, Hirnmetastasen entwickeln. Es ist folglich von besonderer klinischer Relevanz, wie diese Antikörperfragment-basierten Immuntherapeutika die Blut-Hirn-Schranke, eine wichtige Barriere zwischen Blutsystem und Hirnsubstanz, überwinden können. Ein entsprechendes in vitro Blut-Hirn-Schranken Modell steht über den Kollaborationspartner (Fraunhofer IME, ScreeningPort, Hamburg) zur Verfügung und wird auf die Anwendung mit MB und RMS Zellen weiterentwickelt. Mit diesem neuartigen Modell könnten nötige Tierversuche reduziert werden, da diese wichtige Blut-Hirn-Schranken Durchlässigkeit der möglichen neuen Therapeutika nicht zusätzlich im Tier getestet werden muss. Zielgerichtete immuntherapeutische Therapiemodelle sind besonders für sehr junge Patienten*innen von großem Nutzen, da diese Patientengruppe oft ihr Leben lang an zum Teil schweren Nebenwirkungen der Strahlen- und/ oder Chemotherapie leiden kann. Eine Art der Immuntherapeutika mit denen sich Frau Niesen beschäftigt sind die sogenannten BiTEs (bispecific T-cell engager). Diese arbeiten nach dem Prinzip „Aufspüren und Zerstören“. BiTEs bestehen aus den spezifischen Binderegionen zweier Antikörper, die jeweils unterschiedliche Zielstrukturen erkennen. Eine Binderegion bleibt bei allen BiTEs gleich, sie ist für das Eiweiß CD3 besetzt, das auf „gesunden“ T-Zellen vorkommt. Die zweite Binderegion ist variabel und Tumor-spezifisch, so dass gesunde Zellen nicht angegriffen werden können. Über die BiTE-vermittelte Verbindung zwischen T-Zelle und Tumorzelle kann in den Krebszellen der programmierte Zelltod ausgelöst und sie somit zerstört werden.

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